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Neurosis - An Undying Love for a Burning World

Neurosis

An Undying Love for a Burning World

Sonderformat, ausserhalb des ueblichen EU-Underground-Fokus. Die Erfinder des atmospheric Post-Metal kehren nach zehn Jahren zurueck, mit Aaron Turner als neuem Vollmitglied und einem Album ueber Entwurzelung und das letzte Licht. Monumentale Dynamik, ein paar produktionsseitige Schrammen.

Excellent
Released 20 March 2026 Reviewed 24 June 2026
Listen along An Undying Love for a Burning World Neurosis Bandcamp

Kurz vorweg, weil es hier nicht reinpasst und trotzdem rein muss: Neurosis sind kein EU-Underground-Act, und An Undying Love for a Burning World ist kein Album, das wir im normalen Loop greifen wuerden. Es ist ein Sonderformat. Die Band aus Oakland hat das Genre, das wir hier Woche fuer Woche durchpfluegen, im Grunde miterfunden, und wenn sie nach zehn Jahren Funkstille ohne Vorwarnung ein neues Album fallen laesst, dann hoeren wir rein, Scope hin oder her.

Zehn Jahre. Das letzte war Fires Within Fires von 2016, und seitdem hat sich im Maschinenraum einiges verschoben. Aaron Turner, der Mann hinter Isis und Sumac, ist jetzt festes Mitglied, singt und spielt Gitarre, und das ist keine Gastrolle, sondern ein echter Umbau im Innersten einer Band, die jahrzehntelang dieselben Leute war. Steve Von Till und Scott Kelly als die zwei Stimmen, das war die DNA. Turner an der einen Position aendert die Chemie, und man hoert es, ohne dass das Album je klingt, als wuerde es sich selbst suchen. “Wir haben uns nie aufgeloest”, sagt die Band dazu, und das Album traegt genau diese Haltung, kein Reunion-Pomp, sondern die Fortsetzung eines Gespraechs, das nie wirklich abgebrochen war.

Worum es geht, ist Entwurzelung. Der Verlust der Verbindung zur Natur, das sechste Massensterben als Hintergrundrauschen, das langsame Ausgehen des Lichts, und mittendrin der zaehe Versuch einer Wiedergeburt. Die Songtitel buchstabieren den Bogen schon vor, von “We Are Torn Wide Open” ueber “Untethered” bis zum “Last Light”. Das ist Neurosis, wie man sie kennt, kein Riff um des Riffs willen, sondern Klang als Verarbeitung von etwas Grossem und Bedrohlichem.

Das Herzstueck ist, wie immer bei dieser Band, die Dynamik. Neurosis bauen keine Wand und stellen sich dahinter, sie tuermen Druck auf, lassen ihn kollabieren, ziehen alles auf einen einzelnen Drone zurueck und treiben es dann wieder hoch. “Untethered” ist dafuer das beste Beispiel auf dem Album, organisch aufgenommen, die laut-leise-Kontraste voll intakt, der Gesang nicht obendrauf geklebt, sondern in den Klang eingebettet. “Mirror Deep” hat dieselbe erdige Waerme, eine Aufnahme, die sich traut zu atmen, und der sechzehneinhalb Minuten lange Schlussakt “Last Light” zieht das Ganze in einen dunklen, halligen Funeral-Doom-Raum, in dem das gutturale Tiefbass-Growling und die weiten mehrstimmigen Clean-Chants gegeneinander stehen wie zwei Pole. Wenn dieses Album seine Staerke ausspielt, ist es so gut wie alles, was die Band je gemacht hat.

Ganz ohne Schrammen geht es nicht. Der 52-Sekunden-Opener “We Are Torn Wide Open” ist bewusst als brachiales, brickwall-gefahrenes Chaos angelegt, das funktioniert als Statement, ermuedet aber als Klang. “In the Waiting Hours” ist der schwaechste Moment, unausgewogen, das Low-Mid-Fundament ueberladen, die lauten Passagen flachgedrueckt, das Schlagzeug merkwuerdig steril. Und ueber das ganze Album zieht sich eine sehr dichte Tiefmitten-Stapelung, die in den schwersten Augenblicken der Definition der Drums Substanz raubt. Das ist kein Genre-Problem, das ist Geschmackssache an der Mastering-Schwelle, und es haelt ein ansonsten herausragend produziertes Werk knapp unter dem absoluten Maximum.

Das aendert nichts daran, dass An Undying Love for a Burning World eine Rueckkehr auf Augenhoehe ist. Eine Band, die nach zehn Jahren und einem personellen Bruch nicht den alten Sound nachstellt, sondern ihn weiterdenkt, und die immer noch genau weiss, wann sie die Stille arbeiten lassen muss, damit das Schwere wirklich trifft. Wer mit Post-Metal etwas anfangen kann, kommt an diesem Album nicht vorbei.

Monumentaler atmospheric Post-Metal mit Doom-Schwere: tief gestimmt, guttural gegroellt und in weiten Clean-Chants gesungen, gebaut auf massiven makrodynamischen Kontrasten statt auf einer Dauerwand. Die Aufnahme ist ueberwiegend warm und organisch, und die besten Tracks (“Untethered”, “Mirror Deep”, “Last Light”) verzichten bewusst auf extreme Lautheits-Kompression, sodass die laut-leise-Wechsel voll zur Geltung kommen und der Gesang in den Klang eingebettet bleibt. Schwaecher sind der absichtlich brickwall-gefahrene Intro-Track und das unausgewogene, im Low-Mid ueberladene “In the Waiting Hours”. Durch das ganze Album zieht sich eine sehr dichte Tiefmitten-Stapelung, die in den schwersten Passagen den Drums etwas Definition nimmt. Dynamisch, raeumlich tief, mit nur kleinen Mastering-Vorbehalten.

Standout tracks: Untethered, Last Light, Mirror Deep

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